Junge Reporter unterwegs

Bach-Museum

Jeden Tag spielt beim Bachfest die Musik — auch für Kinder, Jugendliche, Familien oder Schulklassen. Während des gesamten Bachfestes werden »Junge Reporter« unterwegs sein zu Konzerten in Kirchen, im Museum oder Zoo, unter freiem Himmel und im Bahnhof. Ihre Eindrücke bringen sie für unser junges Publikum zu Papier. Mit spitzer Feder und viel Fantasie.

Die »Jungen Reporter« sind diesmal SchülerInnen der Anna-Magdalena-Bach-Grundschule und der Thomasschule.

Bach Open Air — Bach meets Bernstein

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Bach-Fans ,

 

hier schreibt Greta Strunden. Ich habe am Freitag, den 8. Juni 2018 das Eröffnungskonzert des Bachfestes auf dem Markt besucht.

 

Zu diesem ersten Konzert sind viele Zuschauer gekommen. Sie haben an Tischen oder auf dem Boden gesessen, einige mussten stehen. Die Moderatorin Evelin Fischer begrüßte das Publikum mit dem Satz „Das Bachfest ist das schönste Festival was die Stadt Leipzig zu bieten hat.“ Dann gab es eine kurze Rede vom Leipziger Bürgermeister Burkart Jung und dem amerikanischen Generalkonsul Timothy Eydelnant.

 

Die Idee des Abends war, zwei Chorstücke aus zwei Jahrhunderten zu spielen. Das erste natürlich von Johan Sebastian Bach, das zweite Stück von Leonard Bernstein. Es gab zwei Chöre, den Opernchor und den Gewandhauschor, beide aus Leipzig. Sie wurden begleitet vom Sinfonie-Jugendorchester aus Boston. Insgesamt waren es 120 junge Musiker zwischen 18 und 25 Jahren. Das erste Stück heißt Magnificat und wurde auf Lateinisch gesungen, das zweite, die Chichester Psalms, auf Hebräisch.

 

Im Magnificat von Johann Sebastian Bach waren die solistischen Besetzungen Sopran, Mezzosopran und Tenor und Bass. 

An einer Stelle haben sich Gesang und Oboe abgewechselt wie in einem Gespräch. Laut und kräftig setzten anschließend Chor und Orchester ein. Dann kam ein helles, klares Flötensolo. Flöte und Kontrabass haben Sopran und Alt begleitet. Im Gloria wird es spannend. Ein dramatisches Ende mit Pauken und Trompeten. 

 

Das Jugendorchester aus Boston mit Chorsängern aus Leipzig im Hintergrund Foto: Greta Strunden Die Chichester Psalms heißen so, weil das Stück von der Stadt Chichester in Auftrag gegeben wurde. Man hört sehr gut, dass die Musik von Bernstein viel später geschrieben wurde, als die von Bach. Ungefähr 200 Jahre liegen dazwischen.

 

Bernstein hat bestimmt, dass das Sopran-Solo niemals von einer Frau gesungen werden soll. Entweder von einem Countertenor oder von einem Alt-Knaben. Für uns sang Ruben Lorenz das Solo. Er ist erst 12 Jahre alt! Im Orchester spielten diesmal Schellenring, Triangel, Xylophon und Harfe eine besondere Rolle. Glitzernd und zauberhaft hat es geklungen. Ein sehr rhythmisches Stück, manchmal auch fließend wie ein Bach, ja, wie Bach! Und manchmal auch bedrohlich und aufgeregt. Dann spielten Harfe und Geigen und Ruben Lorenz sang dazu, ganz hell und klar. Der zweite Satz fing dramatisch an, geradezu gruselig durch die Trompete. Es beruhigte sich wieder und die Trompete klang jetzt lieb und listig.

 

Der Dirigent Federico Cortese hatte das Orchester sehr gut im Griff. Das Publikum pfiff, alle waren begeistert. Die Chorleiterin Frau Bauer wischte sich die Schweißperlen von der Stirn. Ruben wurde bejubelt. 

 

Bach Open Air — Ein Sommernachtstraum

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Bach-Fans,

 

hier schreiben Greta Strunden und Frida Winterfeld.

Wir haben am Samstag, den 9. Juni 2018, einen Sommernachtstraum auf dem Markt erlebt.

 

Wir konnten uns entscheiden, ob wir auf Stühlen oder auf Kissen unter Sonnenschirmen sitzen wollten. Das Konzert ist ein Geschenk vom Bachfest, der Eintritt ist frei. 

Gespielt hat das Gewandhausorchester. Ein kleines Orchester aus 2 Fagotten, zwei Hörnern, zwei Klarinetten, einer Querflöte, zwei Oboen und einem Kontrabass. 

Dann kam der Puck - wer? Der Puck! *Das ist der Kobold aus dem Sommernachtstraum. Er trug eine Jacke mit bunten Puffärmeln und hat die Geschichte erzählt. Eine komplizierte Geschichte. „Sehr, sehr, sehr, sehr kompliziert“, hat der Puck gesagt. Die Geschichte ist von Shakespeare. Es geht um Liebe und Zauber und Verwechslungen. 

 

Der Puck und Musiker des Gewandhausorchesters Foto: Frida Winterfeld

Die Musik zum Sommernachtstraum ist von Felix Mendelssohn Bartholdy. Geschichte und Musik haben sich abgewechselt. Die Musik hat die Geschichte begleitet. Sie war rhythmisch, galoppierend, manchmal holprig (bei den Handwerkern), hüpfend und fröhlich (bei den Elfen) oder zart (für die Liebe). Zur Geisterstunde haben nur die Fagotte und die Hörner gespielt. Das Publikum wurde mit einbezogen. Es konnte den Wind pfeifen, knackende Äste schnipsen, mit den Händen die flatternden Flügel der Elfen klatscFrida und Greta im Publikumhen. Im Finale gab es noch einen Trugschluss, dann war es zu Ende.

 

Die Idee zu dieser Aufführung kam vom Gewandhaus. Wir haben die Flötistin interviewt. Auf die Frage, ob sie vor der Aufführung nervös gewesen ist, hat sie geantwortet: „Für uns Erwachsene ist so eine Aufführung nicht mehr aufregend.“

 

Die Geschichte war so verwirrend, dass es sehr gut war, zwischendurch Musik zu hören und den Kopf frei zu kriegen. Wir Kinder konnten direkt vor der Bühne sitzen und alles hautnah erleben. Die Musik war schön. Uns hat es gut gefallen!

GRASSI Museum — Der grüne Esel

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Bach-Fans,

 

hier schreiben Ada Kubatzki und Elias Aliev.

 

Wir sind gerade im GRASSI Museum für Musikinstrumente bei einem Mitmachkonzert, das der »Der grüne Esel« heißt. Wir sitzen in einem kleinen Saal mit knallorangen Wänden. Mit uns sind sehr viele Kinder und Schüler hier.

 

Elias und Ada

Das Konzert spielt in der Barockzeit, mit barocker Musik. Es gibt drei Musiker: eine Frau am Cembalo, eine Flötistin und einen Sänger. Wir zählen 11 Instrumente, darunter einen großen Gong und ein Glockenspiel. Aus einem riesigen Buch liest und singt der Tenor Matthias Schubotz Fabeln von Christian Fürchtegott Gellert. (Möchtet Ihr Fürchtegott heißen?) Dazu spielt Musik von Georg Friedrich Händel. Wieso Händel? Wir sind doch auf dem Bachfest? Händel hat zur gleichen Zeit wie Bach Musik gemacht, es klingt also ähnlich.

 

Eine Fabel heißt »Der grüne Esel« — wie das Konzert. Und darum geht es: Ein Narr pinselt einen Esel grün an, mit roten Füßen. Dann führt er ihn durch die Gassen. Die Leute staunen und kommen von überall her. Alle wollen ihn sehen und bewundern. Nach drei Tagen ist der Spuk vorbMatthias Schubotz als Barockmensch   ei. Niemand interessiert sich mehr für den Esel. Die Moral von der Geschichte ist, dass neue Sachen, egal wie doof sie sind, am Anfang cool sind. Aber nach einiger Zeit wird es langweilig. So ist es im Moment mit den Fußball-Sammelkarten. Nach der WM sind sie gar nicht mehr interessant. Aber Johann Sebastian Bachs Musik ist heute immer noch spannend und wird bestimmt noch mehr als 300 Jahre halten.

 

Wir Schüler singen zu der Fabel einen Kanon. Der Esel macht natürlich I-A, I-A, das Volk Oh-ha, Oh-ha, der Narr Hi, hi, hi, hi ,hi — Hi, Hi. Am Ende des Konzerts verkleidet sich der Sänger als barocker Christian Fürchtegott Gellert mit einer Perücke aus vergoldeten Klorollen. Jedenfalls ist das sehr witzig.

 

Das Konzert findet mitten in der Schulzeit statt. Jetzt müssen wir wieder in den Unterricht.

 

Gewandhaus — Eine klingende Kutschfahrt mit Bach

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Bach-Fans,

 

hier schreiben Mime Angermaier und Emma Brauer.

 

Wir haben heute, am Mittwoch, den 13. Juni 2018, das Gewandhaus besucht und das Konzert »Eine klingende Kutschfahrt mit Bach« gehört.

 

Als »junge Reporter« konnten wir hinten durch den Bühnen- und Künstlereingang gehen. Im Mendelssohn-Saal waren schon ganz schön viele Kinder. Wir haben mitten auf der Bühne gesessen.

Emma und Mime

Die Erzählerin Julia Deutsch hat einen schweren alten Koffer auf die Bühne gewuchtet. Der Koffer ließ sich nur mit einem Zauberwort öffnen. "Abrakadabra" und "Hokuspokus" haben nicht geklappt. Aber mit "Kisum" hat es funktioniert. Sagt das mal rückwärts auf, dann versteht Ihr, warum. Aus dem Koffer hat Frau Deutsch ein Bild von Johann Sebastian Bach, eine Perücke, ein Notenbüchlein und einen Brief hervorgezaubert.

 

Aber was braucht man eigentlich für ein Konzert? Instrumente und Musiker. Wir haben noch einmal "Kisum" gerufen und da kamen sie: drei Frauen mit Oboe, Geige, die dritte hat sich an das Cembalo gesetzt. Wir im Publikum sollten unsere "Hörohren" anknipsen und sie haben festliche Tanzmusik gespielt. Wir haben dazu ein Knicks-Menuett getanzt. Das Stück kannten wir. Ein Menuett für Anna Magdalena Bach. Das haben wir schon in der Geigenklasse geübt. Dann haben Oboe und Geige ein Duett gespielt und das Cembalo ein Solo. Ganz schnell und aufgeregt hat die Musikerin gespielt. Es klang wie Wut und Freude zusammen. Alle Musikstücke waren richtig schön.

 

Die Musikerinnen haben Ihre Instrumente erklärt, und wir Zuschauer konnten zum Schluss auch auf den Instrumenten spielen. Das hat uns sehr gut gefallen. Besonders auf dem Cembalo zu spielen ist ganz anders als auf einem Klavier zu spielen. Toll, dass wir das mal ausprobieren konnten.

 

 

Die Musikerinnen Foto: Mime Angermaier 

 

 

Klavierübungen 1 + 2 in der Thomaskirche

Am 11. und 12. Juni bot sich mir die Möglichkeit, im Rahmen des Bachfestes den „Klavierübungen“ in der Thomaskirche zu lauschen. Dabei ist der Name „Klavierübungen“ ein wenig irreführend, denn ein Klavier kam bei diesen zwei Konzerten nicht zum Einsatz, stattdessen aber seine große Schwester, die Orgel.

 

In jeweils etwa 100 Minuten führten Thomasorganist Ullrich Böhme und Wolfgang Zerer Teile des Werkes von Johann Sebastian Bach auf. Bei der Länge der Konzerte fand ich es sehr beein-druckend, dass die Solisten so viele anspruchsvolle Stücke scheinbar mühelos hintereinander weg spielen konnten.

 

Die Kirche war gut gefüllt und die Klänge der Orgel zogen fast alle Zuhörer in Bann. Nicht wenige (und ich zähle mich dazu) schlossen die Augen, um die Musik zu genießen. Man konnte sich tragen lassen und für einige Zeit alles andere vergessen. Es herrschte eine beinahe ehrfürchtige Stimmung, wenn die letzten Töne im Kirchengewölbe nachhallten.

 

Mir hat besonders gut die Vielfalt der einzelnen Stücke gefallen, die, obwohl sie aus dem gleichen Werk stammen, sehr unterschiedlich waren und die vielen verschiedenen Varianten zeigten, wie eine Orgel klingen kann. Manche Stücke klangen etwas düster, fast schon unheimlich, andere wiederum heiter. Manchmal lud der Rhythmus beinahe zum Tanzen ein, was man nicht von barocker Kirchenmusik erwartet. Von getragenen, feierlichen Melodien bis zu schnellen Läufen und Sprüngen war alles zu hören. Auch die Tonlage variierte stark; teilweise hoch, manchmal aber auch so tief, dass die Töne wortwörtlich durch Mark und Bein gingen. Dieser Effekt wurde durch die Dynamik verstärkt, wenn die Ohren noch vom letzten Stück dröhnten und es anschließend leise und zart weiterging.

 

Ich empfand die „Klavierübungen“ als sehr bewegend, und anscheinend ging es nicht nur mir so, denn jeweils am Ende des Abends spendete das Publikum einen kräftigen Applaus für die beiden Musiker an der Orgel, bei dem sich auch einige erhoben.

 

Vielen Dank an das Bachfest Leipzig, dass ich diese Musik erleben durfte!

 

Tabea Petry

Die Nachtigall in der Musikschule Leipzig

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Bach-Fans,

 

 

hier schreiben Greta Strohbach und Falk.

Greta und Falk

Wir waren heut in der Oper »Die Nachtigall« von Georg Philipp Telemann. Die Musikschule Leipzig hat einen großen Konzertsaal mit einer kleinen Bühne. Sie hat aber ausgereicht für die Aufführung der »Nachtigall« mit Kaiserin, Dienerin, Köchin, Gärtner, Musikinstrumenten und natürlich der Nachtigall.

Geert van Gele als Nachtigall

Die Kaiserin lässt eine Nachtigall fangen, weil sie noch nie eine gesehen hat. Sie singt fröhlich im Duett mit dem Vogel. Bis die Nachtigall ganz traurig wird, in Moll singt, mit vielen kleinen Sekunden als Seufzern.  Dann hört sie ganz auf zu singen, weil sie gefangen ist und nicht mehr möchte. Mit der Musik der Nachtigall stirbt die Freud am Hofe der Kaiserin. Die Kaiserin wird

krank, und der Tod schaut bei ihr vorbei. Da fängt die Nachtigall wieder an zu singen, und die Kaiserin entkommt nur knapp dem Tod. Die Nachtigall vertreibt ihn durch ihren Gesang.

 

Die Oper ist bunt und schön. Die Sängerinnen sind hübsch gekleidet. Kostüme und Masken sind chinesisch, auch der Bart des Musikers ist aufgemalt. Auf der Bühne stehen ein rotes Cembalo, ein Thron mit seidig glänzenden Stoffen,und viele Pakete — Geschenke für die Kaiserin.

 

Die Musik hat Telemann geschrieben. Eine schöne Musik, Schön traurig und schön fröhlich. Alle Musiker haben gut gespielt. Julie Comparini (Kaiserin) und Ellen Delahanty (Dienerin) waren auch überzeugend und haben sehr gut gesungen. Geert van Gele hat das Cembalo und die Nachtigall gespielt.

Es hat uns wunderbar gefallen.

 

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Die Matthäus-Passion in der Thomaskirche

Großer Klang, mangelnder Text

La Chapelle Rhénane und die Matthäus-Passsion

 

Tief versunken und mit geschlossenen Augen lauschten viele Besucher der gut drei Stunden langen Leidensgeschichte Jesus. Als 104. Nummer des Bachfestes ging diesmal die Matthäus-Passion in der sehr vollen Thomaskirche an den Start.

 

Unter Leitung von Benoît Haller vertonte das französische Ensemble „La Chapelle Rhénane“ zusammen mit Thomaneranwärtern und diversen Solisten die diesjährige vierte Passion.

 

Während Johann Sebastian Bach in seiner ursprünglichen Fassung zwei Orchester und zwei Chöre vorsah, konnte das eher klein besetzte Ensemble trotzdem mit einem vollen Klangvolumen überzeugen und machte dahingegen keine Abstriche. Nach dem etwas unsicherem Beginn, fingen sich die einzelnen Stimmen aber bereits nach wenigen Takten und ließen besonders die Holzbläser in hellem Glanz herausragen. Gesanglich konnte von den Solisten am meisten der Tenor Daniel Schreiber als Evangelist überzeugen, der mit einer klaren Artikulation des Textes wichtige Aspekte der Leidensgeschichte Jesus darlegte, wohingegen Guilhem Worms (Bass) in der Rolle des Jesus nur schlecht verständlich war. Dies könnte man vielleicht mit dem Umstand begründen, dass der klanglich sehr kunstvolle Bass kein Muttersprachler ist. Mit virtuosen Arien fiel auch der Tenor Paco Garcia positiv auf und ließ voller Herzblut den seelischen Schmerz der Kreuzigung erklingen.

Die zwischen den Arien und Rezitativen eingearbeiteten Choräle konnten textlich ebenfalls nicht immer überzeugen, während inmitten erwachsener Chorsänger hier und da deutlich klare Knabenstimmen zu vernehmen waren und Überlagerungen der einzelnen Stimmgruppen deutlich machten. Besonders bei bekannten Chorälen, wie „O Haupt voll Blut und Wunden“ schwangen sich sowohl das Orchester als auch der Chor zu ihrer wirklichen musikalischen Größe auf, welche an anderen Stellen wünschenswert hörbarer hätte sein können.

 

Doch da insbesondere solche überzeugenden Choräle im Ohr hängen blieben, folgte vom begeisterten Publikum für dieses souveräne Meisterwerk ein minutenlanger Applaus.

 

Friederike Wischniewski

Passion 5 in der Nikolaikirche

Schmerz und Liebe

Bachs monumentale 5. Passion

 

Schließt man die Augen in der gut besuchten Nikolaikirche und lauscht den himmlischen Klängen des Ensemble Inégal, so kann man deutlich den Schmerz, die Trauer, aber auch die Liebe rund um das Leiden Jesus hören.

 

Schon zu Beginn fragt Gabriela Eibenová (Sopran) als Mutter Jesus mit spürbarer Pein, ob wohl irgendein Schmerz größer sei als ihrer.

 

Generell ist „Gesù al Calvario“ ein Oratorium, welches dem Leiden der fünf Akteure Johannes, Maria Magdalena, Maria Cleofa, der Jungfrau Maria und Jesus selbst, Ausdruck verleiht.  Als damaliger Zeitgenosse Bachs und von diesem lobend erwähnt, erhielt Jan Dismas Zelenka mit seiner Umsetzung der alttestamentlichen Passionsgeschichte, in diesem Jahr einen Platz im Zyklus des Bachfestes. Doch man kann es kaum als vor Trauer sprühendes Werk bezeichnen, nein, ebenso stellt zum Beispiel Jesus sowohl einen Tröster als auch Liebenden dar, während Maria Cleofa mit Unterstützung aggressiver Streichersätze ihre Wut äußert.

 

Dabei wurden die in italienischer Sprache Singenden von einem perfekt miteinander agierenden Orchester begleitet, welche durch seine Spezialisierung auf Barockmusik, das Werk in seiner originalen Fassungen mit den ursprünglichen Instrumenten spielen konnte. Unter anderem beherbergt es ein Chalumeau, ein Vorgänger der heutigen Klarinette und eine Theorbe, welche zur Familie der Lauteninstrumente gezählt wird. Gleich zu Anfang war diese Harmonie in den parallel ablaufenden Koloraturen zu hören, welche sich in Synchronität und Intonation gegenseitig übertrafen. Doch auch einzelne Stimmen, besonders die Holzbläser, konnten als Solisten mit makellosem Glanz herausragen.

 

Jedoch störte in kurzen Pausen, zwischen dem Wechsel der Sänger, das häufige Stimmen des Orchesters mit dem damit verbundenen besonders herausstechenden Zupfen der Streicher.Doch dies konnte das gesamte Hörerlebnis nicht eintrüben, wobei die beiden Countertenöre Franz Vitzthum und Filippo Mineccia als Jesus und Johannes mit einem vollen Klang und einer stimmigen Interpretation ihres Textes am meisten überzeugten. Während Filippo Mineccia sich Johannes Wut aus der Seele sang und dabei mit intensiven Körperbewegungen und geschlossenen Augen vollends mit seiner Rolle verschmolz, blieb Franz Vitzthum mit klarer und ruhiger Stimme der unbeirrbare Sohn Gottes.  Auch Lenka Cafourková (Sopran) und Markéta Cukrová (Alt) passten ideal in ihre Rollen als Maria Magdalena und Maria Cleofa, sodass ebenfalls zwischen den Solisten eine souveräne Harmonie herrschte.

 

Der Chor, bestehend aus Frauen- und Männerstimmen, erreichte seinen Höhepunkt bei den Kreuzigungsschreien des jüdischen Volkes und ließ so ein Bild des naiven und selbstgerechten Geschreis der unnachgiebigen Menschenmassen entstehen.

 

Durch diese überaus stimmige Interpretation konnte Jan Dismas Zelenkas Passion vollends überzeugen und verursachte, nach dem Erklingen des gemeinsamen Endchores, frenetische Standing-Ovations, welche zu einer ebenso gefeierten Zugabe führten.

 

Friederike Wischniewski

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